SEASON OF THE WITCH - Artikel OKT2022

SEASON OF THE WITCH

Wir befinden uns in der düstersten Zeit des Jahres: Die Halloween Saison ist angebrochen! Im Fokus der Seriengeschichte steht immer wieder die Hexe – ein geheimnisvolles, übernatürliches, mächtiges und feministisches Wesen, sofern es die Serienschaffenden erlauben. Season of the Witch: Ein Blogartikel über die Darstellung der Serien-Hexe und das dadurch vermittelte Frauenbild.

Seit jeher stellen übernatürliche Wesen eine große Faszination der seriellen Narration dar. Und da Halloween schon dabei ist an die Tür zu scharren, lohnt es sich, einen Blick auf die eher düsteren Mächte zu werfen: Der Herbst ist seit Jahrhunderten die Zeit der Bräuche und Rituale, Übernatürlichkeit, Aberglauben und Magie scheinen in der Luft zu liegen. Die Bäume durchlaufen einen traumhaften goldenen Farbwechsel, doch die düstere Nacht rückt Abend für Abend ein Stück näher.

Die Dunkelheit, die Kälte und der heulende Wind laden dazu ein, sich auf das Sofa zu kuscheln und Serien anzusehen, während auf dem Couchtisch eine brennende Kerze Gemütlichkeit aufkommen lässt und heimlich flackernde Schattenbilder an die Wand wirft.

Mit dem Einzug der Fernseher ab ca. den 1960er Jahren zieht auch das Übernatürliche in die Wohnzimmer ein: The Addams Family und Verliebt in eine Hexe (beide 1964) entwickelten sich zu TV-Serienhits. Neben den zahlreichen Halloween-Kreaturen rückt ein Wesen immer wieder in den narrativen Fokus: Die Hexe.

Dem Klischee nach ist Sie: eine weiße alte Frau, geheimnisvoll, ein mächtiges sowie unberechenbares Wesen, das die natürliche Ordnung der Welt bedroht. Im besten Fall kann sie mit einem Besen fliegen, hat ein paar Warzen im Gesicht, kann wirkmächtige Zauber aus ihrem Dämonenbuch beschwören, Gegner*innen verfluchen und mit ein paar widerlichen Zutaten und einem großen Kesseldie giftigsten Tränke brauen.

Mit dieser Vorstellung wird auchim Seriellen stets gespielt. In Verliebt in eine Hexe (ab 1964) ist die Protagonistin Samantha süß, blond, US-amerikanisch und natürlich weiß. Samantha ist aber auch Ehe- und Hausfrau, später Mutter, und versucht mit ihren wirkmächtigen Zaubern nur die Absurditäten des Alltags zu bewältigen. Oh, der arme Ehemann wird dabei in die unmöglichsten Situationen verstrickt! Es ist leicht zu erkennen, dass die Erzählung einer Hexe  auch das Abbild der damaligen Zeit ist. Eine mächtige Frau, die trotz stärkster Bemühungen den magisch unbegabten Mann in die Bredouille bringt. Zum Glück hat er Verständnis.

Seitdem begegnen uns in seriellen Erzählungen die verschiedensten Hexenarten. Ende der 1990er ist die Zeit von “Girl Power” und esgibt einen wahrenHexen-Hype: Erst verzaubert 1996 die Teenagerin Sabrina Spellman (Sabrina - Total Verhext!) in ihrer bunten Sitcom die Bildschirme, kurz darauf hilft Willow Rosenberg als etwas  schüchterne Sidekick ihrer Freundin Buffy bei der Jagd auf Vampire und allerlei Monster, indem sie sich die Hexenkunst aneignet (Buffy - Im Bann der Dämonen, ab 1997). Schließlich erwacht die "Macht der Drei" durch die P-Schwester Prue, Piper und Phoebe in Charmed - Zauberhafte Hexen (1998). 

Die Hexe hat den Wandel zur positiven Heldin aber noch nicht komplett vollzogen. Auch in den 90ern haften ihr noch einige negative Eigenschaften an: Sabrina wird als eine sehr überzogene Teenagerin dargestellt, die schon im Intro vor allem an einem einfachen Kleiderwechsel interessiert ist. Willow ist zunächst nur ein Nebencharakter als typisches Mauerblümchen mit vielen guten Noten und sehr wenigen Freund*innen. Sucht man nach Bildern der Charmed-Schwestern (unabhängig in welcher Konstellation), so sieht man die Drei stets sexualisiert -mit tiefen Ausschnitten, bauchfrei und Schlafzimmerblick.

Diese 90er-Hexen hatten natürlich auch ihr Gutes: Sabrina konnte zusammen mit ihren Hexen-Tanten in weiblicher Solidarität Teenager-Probleme bewältigen, Willow gewann durch zunehmende Hexenkraft an Selbstbewusstsein - und sie ist queer (yesss!). Immerhin bekämpften die drei P's immer wieder das (meist als männlich dargestellte) Böse. Ob das Wie der Darstellung immer richtig war, sei dahingestellt, aber das thematische Was der Darstellung ermöglichte eine Entwicklung des Hexenbildes.

Im Heute endlich angekommen, scheint sich eine neue Hexenvorstellung herauszubilden. Zum Einen werden ursprünglichere Ideen aufgearbeitet - historische Orte, wie Salem in den USA, in denen in der Neuzeit die Hexenprozesse stattfanden, sind oft wichtige Serienschauplätze (z.B. in “Motherland: Fort Salem”). Auch die Kräfte werden als Ahnentradition verdeutlicht und das Böse verankert sich auch selbst in den Hexenprotagonist*innen. Auch die Serien selbst gewinnen an Tiefe: So wird Wanda Maximoff in WandaVision (2021, Disney+) vor allem aufgrund ihrer uralten Gene zur stärksten aller Held*innen im Marvel Cinematic Universe, indem sie ihrer posttraumatischen Belastungsstörung, ihrer wiederholten Trauer und der sich entwickelten Depression Raum gibt - beispielsweise, indem sie die oben genannte Sitcom Verliebt in eine Hexe nachspielt. Bekräftigt wird dies durch die böse Endgegnerin Agatha Harkness (Agatha - Coven of Chaos ab 2023 auf Disney+), deren Background in Salem liegt, die sich Wandas Kräfte berauben möchte und die Wanda schließlich endgültig auf die dunkle Seite zieht.

Sabrina Spellman hat 2018 endlich eine düstere Serienversion bekommen, die näher an der Comicvorlage ist: Es geht um Dämonen, die Hölle, Rache und die ultimative Kraft. Die Hexe ist noch immer 16 Jahre alt und sieht gut aus, doch geht es Sabrina nun vielmehr um Macht und Unabhängigkeit von alten Strukturen (aka dem satanischen Patriarchat)  als um ein OOTD.

Und wem es noch nicht aufgefallen ist: Ja, bisher gab es vor allem ein weißes Hexenbild. Ausnahmen sind Nebenfiguren wie Marie Laveau aus American Horror Story (ab 2011, Disney+), deren Hexendasein vor allem durch die rassistisch aufgeladene Zuschreibung einer Voodoo-Königin trotzdem nicht ganz einfach ist. Und auch in Sabrina ist die Figur der Prudence Night eine POC und eine durchsetzungsstarke Hexe - doch leider noch immer nur ein Nebencharakter. Zumindest gibt es mittlerweile Ansätze Diversität und Inklusivität in die Hexenlandschaft zu bringen. Im Reboot von Charmed (ab 2018, RTL+) verkörpern POC Schauspielerinnen die drei Protagonistinnen und True Blood (ab 2011, WOW) zeigt, dass es Witches aller Gender und Hautfarben geben kann. Wir *beschwören* die Serienschaffenden, mehr davon zu machen!

Denn wir wollen unbedingt mehr sehen von Hexen und Witches! Betrachtet man sie alle im großen und ganzen, so zeigt uns ihre Darstellung folgendes: Hexen* waren im Seriellen bisher Cis-Frauen, die ein feministisches Bild verkörpern: Sie sind höchst begabt, mutig, mächtig, selbstbewusst, entschlossen, belesen, trickreich und mysteriös. Sie stellen schon lange ein angemessenes und gleichberechtigtes Frauenbild dar, ohne explizit sagen zu müssen: "Hey, das ist eine Serie über Feminismus!". Natürlich wurde die Hexen-Verfilmung zeitgenössisch beeinflusst, woraus sich glücklicherweise noch tiefgründigere Bilder entwickeln konnten. Wichtiger ist jedoch, wohin die weitere Reise der Witches führt: Hoffentlich werden mehr FLINTA*s, POC, queere und weitere diverse Personen mitgedacht, hoffentlich wird die Darstellung noch zeitgemäßer. Wenn wir einen Blick in unsere Kristallkugel werfen, sind wir äußerst zuversichtlich.